Als Simenon vom Genre des leichten Unterhaltungsromans und der Detektivgeschichte zur Gattung des seriösen Romans wechselte, war Les pitard (1935; Paris 1948) das erste Werk, das als echter Roman anerkannt wurde. Ein Kritiker schrieb: „Aber Les Pitard sind ein wirklich vollkommenes Werk. Man kann Les Pitard lesen als vermischte Nachricht oder als ein Roman mit tiefen Hintergründen. Das Pathetische erreicht hier in jedem Fall, ich sage es ungeschminkt, eine Art des Sublimen. Nichts Schwärmerisches, keine Lehrhaftigkeit, eine unerhörte Kraft, die Wahrheit fühlen zu lassen. Die Wiedergabe, wie man in der Malerei sagt, ist wahrhaftig außerordentlich. Ich werde immer widersprechen, wenn man Simenon vorwirft, schlecht zu schreiben; er schreibt sehr gut, das heißt genau, wie es sein muß (ich habe noch einen kleinen Belgizismus gefunden). Lesen Sie dieses erstaunliche Buch, so hart und so einfach, und sagen Sie, ob das Wort Vollkommenheit nicht geschaffen ist, um darauf angewendet zu werden.“ (zit. Pierre Assouline, Simenon 1992, 318f.).
Simenon zeichnet sich als Romancier dadurch aus, daß er in erster Linie Erzähler ist, der nur selten Reflexionsromane schreibt, und Les Pitard sind ein Meisterwerk der reinen Erzählung. Der Akzent liegt auf der Schilderung der äußeren Handlung, einer Seefahrt mit ihrer Routine und ihren dramatischen Risiken. Zweitens wird das Porträt des Kapitäns gezeichnet, indem sein Charakter durch sein Verhalten bestimmt wird, und drittens wird der Konflikt des Kapitäns mit seiner Frau dargestellt, ein Streit mit durchaus handfesten Formen.
Zur Form des Romans sei Lichtenberg zitiert, der beobachtet hat: „Jedem Kenner des Menschen ist es bekannt, wie schwer es ist, Erfahrungen so zu erzählen, daß sich in die Erzählung kein Urteil einmischt“ (Sudelbücher, Heft C,192). Es ist nichts anderes als das Ideal des objektiven Erzählens, das Flaubert zu seinem Vorbild gewählt hat. Diesem Ideal kommt Simenon in Les Pitard so nahe wie nur möglich. Im übrigen erinnert das Werk als Seefahrtsgeschichte natürlich an Joseph Conrad, aber nicht nur wegen der gleichen literarischen Gattung, sondern weil die Figur des Kapitäns bei Simenon im Charakter und Habitus einem unvergessenen Kapitän in Conrads Taifun gleicht.
Der Kapitän Emil Lannec, verheiratet mit Mathilde Pitard, hat einen englischen Frachter erworben, den er nach seinem gewohnten Schimpfwort Tonnerre-de-Dieu getauft hat. Sein Partner ist sein Deckoffizier Georges Moinard; seine Schwiegermutter hat als Hausbesitzerin eine Bürgschaft geleistet, so daß seine Frau sagen kann, das Schiff gehöre auch ihr (S.67). Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, auf der ersten Fahrt des Schiffes unter Lannecs Kommando ihren Mann zu begleiten. Die Fahrt geht von Rouen nach Hamburg, das Schiff führt kurioserweise zwei Kühe mit sich und die Reise wird durch drei Ereignisse auffällig. Lannec findet im Wachraum einen Zettel des Inhalts, daß das Schiff sein Ziel nicht erreichen werde – was Lannec für das Wort eines Witzboldes hält. „Boscot“, der Bucklige, Chef der Mannschaft, foppt als Gespenst verkleidet den abergläubischen Steward Campois. Dieser rächt sich, indem er über einer Tür einen Topf mit heißem Wasser aufhängt. Es verbrüht Boscot die Kopfhaut. Dann kommt es zum handgreiflichen Streit zwischen Lannec und seiner Frau, die sich in ihre Kabine zurückzieht.
Das Schiff erreicht entgegen der Warnung des Zettels ungestört Hamburg und Lannec gelingt es, eine Ladung Wagonteile für Island zu übernehmen, die er in zehn Tagen abliefern will. Da seine Frau sich weigert, das Schiff zu verlassen und umzukehren, feiert er in der Messe des Schiffs neben ihrer Kabine ein lärmendes Trinkgelage mit zwei Animierfrauen. Auf der Fahrt nach Island erfährt Lannec endlich von seiner Frau den Grund, warum sie ihn begleitet. Sie glaubt, daß die Fahrt nach Island kein Zufall war, daß er vielmehr beabsichtigt, nach Amerika zu reisen, um das Schiff zu verkaufen und sich mit einer Freundin zu vergnügen – eine Absicht, die völlig außerhalb der Intention Lannecs liegt (S.116).
Kurz darauf, westlich der Shetland-Inseln, erreicht sie der Notruf des Fisch-Trawlers Françoise, der das Steuerruder und die Deckbauten im schweren Sturm verloren hat. Wegen der stürmischen See kann Lannec keine Booten aussetzen und bei zwei Versuchen reißen die Abschleppseilen. Die Françoise hatte 28 Mann Besatzung, von ihnen sind noch 15 am Leben. Die meisten können sich schwimmend auf die Tonnerre-de-Dieu retten. Seine Frau springt, geistesgestört, von Panik ergriffen, ins Meer, von wo sie tot geborgen wird. Lannec erreicht zwei Tage nach dem verplichtenden Termin das verlassen wirkende Reykjavik, an einem Sonntag, wo alle Tätigkeit ruht. Er übernimmt, neben dem Bleisarg für seine Frau, eine Fischladung für die Rückfahrt. In Caen erlebt er die Beerdigung seiner Frau, vermeidet aber die Zusammenkunft der Familie Pitard.
Lannec wird als ein Kapitän geschildert, wie er sein soll, als ein Mann mit 20 Jahren Erfahrung in der Schiffahrt (S.92). In Hamburg kann er gegen alle Konkurrenten und bürokratischen Hindernisse sich die lukrative Ladung für Island sichern, und in schwerer See gelingt es ihm, die Mannschaft eines Wracks zu retten, ohne das eigene Schiff zu gefährden. Seine Frau aber, die zunächst verlangt, daß sie mit ihm allein essen will und die höheren Dienstgrade erst später essen sollen, und sich später schmollend in ihre Kabine zurückzieht und sich weigert das Schiff zu verlassen, erweist sich als Störfaktor für Lannec: „Er erhob sich vom Essen, gewann die Brücke mit schweren Schritten, wie um seine Kraft zu betonen. Wenn man schon begann, ihm seine Freude, ein Schiff zu haben, zu vergällen …“ (S.35)
Als seine Frau sich weigert, mit den anderen zu essen: „Er hätte gern vor Zorn geweint bei dem Gedanken, daß man, auf seinem Schiff und auf seiner ersten Reise, so alle Traditionen der Seefahrt mißachtete.“ (S.46) Und allgemein heißt es: „Während dieser Reise war es die Umgebung, die nicht da war. Er fühlte sich nicht bei sich selbst. Sein Schiff hatte nicht das Ansehen eines wahren Schiffes, das war's!“ (S.93) Er hatte „manchmal das Aussehen eines Mannes, den man vor die Tür seines eigenen Hauses gesetzt hatte.“ (S.98)
Im Grunde ist es die ganze Verwandtschaft seiner Frau, die er verabscheut. Oscar Pitard, eingebildet und überschätzt, und Marcel, der Freund seiner Frau, sind für ihn Dummköpfe, die sich erlauben, „ihm sein Glück zu verderben – Denn niemals war er so glücklich wie bei seiner Abfahrt von Rouen. Für ihn war in diesem Augenblick die Tonnerre-de-Dieu das schönste Schiff der Welt, trotz seines Schornsteins so mager wie ein Ofenrohr, ebenso außer Mode wie eine Crinoline. - Nun gut! Er verteidigte die Crinoline!“ (S.101f.)
Nicht zu vergessen, daß Lannecs geistige Einstellung eine über das Persönliche hinausgehende Dimension hat. Als er von Boscot erfährt, daß seine Frau sich von Boscots Frau die Karten legen ließ, betrachtete er ihn während zehn Minuten, „was ihm seit einigen Tagen oft vorkam. Man hätte gesagt, daß er das Universum entdeckte, bei den Wesen und Dingen eine neue Bedeutung suchte“ (S.93). Schließlich erfährt er von Boscot, daß er es war, der jenen unheilverkündenden Zettel geschrieben und Mathilde die üble Warnung gegeben hatte.
So zeigt sich, daß der Konflikt Lannecs mit seiner Frau, das moralische Unglück des Paares, auf einem doppelten Mißverständnis beruht. Lannec kannte im Grunde seine Frau nicht, deren Sippe er verachtete, als Seemann hat er nur wenige Tage mit ihr zusammengelebt, und Mathilde kannte Lannec nicht, sonst hätte sie ihn nicht verdächtigen können, sein hochgeschätztes Schiff, das Glück seines Lebens, im Ernst verkaufen zu wollen.
Wie man weiß, ist das Ideal, einen Menschen verstehen zu können, ein zentrales Leitmotiv im Werk Simenons, eine Idee der Menschlichkeit, die Handlungsmaxime des Kommissars Maigret. Les Pitard ist ein Roman, in dem dieses Ideal in doppelter Weise tragisch verfehlt wurde. Es wird, anders gesagt, vor Augen geführt, daß die Mißachtung und Verneinung dieses Ideals die tragischsten Folgen haben können.
Lannec aber ist eine der eigenartigsten, einprägsamsten Männergestalten im Werk Simenons, ein echter Seemann, dessen Gedanken und Gefühle nahezu ausschließlich um sein Schiff und die Seefahrt kreisen. Er spottet über seinen Partner Moinard, der in seiner Freiwache Einstein studiert, und über den Telegraphisten, der Abenteuergeschichten für Kinder schreibt. Lannec beschäftigt sich nur mit den nächsten Angelegenheiten seines Berufes, den Erfordernissen des Tages und der Stunde. Bezeichnend ist, daß er ganz in seinem Beruf aufgeht und sich niemals langweilt. Die See und das Schiff fesseln ständig seine Aufmerksamkeit.
Er ist ein festgefügter Charakter, selbstsicher und unerschütterlich, ein unkompliziertes Gemüt, von keinen intellekuellen Zweifeln geplagt, den Forderungen der Hafenbehörden in jeder Hinsicht gewachsen, in seinem Handwerk erfahren, wie geschaffen für die schwierigste Rettungsaufgabe, die er meistern muß. Da die Seefahrt eine Welt für sich ist, die eine eigene Lebensform bildet, fehlt ihm jene geistige Enge, die für andere Fachtgebiete typisch ist.
Lannec gleicht als nüchterner, phantasieloser Seemann dem Kapitän in der Taifun-Erzählung Joseph Conrads, der mit den Gefahren eines gewaltigen Sturmes nur fertig werden kann, weil er ganz und gar Seemann ist und von keinen anderen geistigen Interessen abgelenkt wird.
So versteht es sich von selbst, daß die tägliche Arbeit des Seemanns überaus genau geschildert wird und Simenon die seltensten Fachausdrücke der Schiffahrt gebraucht, ohne Rücksicht darauf, ob sie der Leser versteht oder nicht. Was immer sie bedeuten mögen, man weiß, daß es seemännische Ausdrücke sind. Sie verstärken die Atmosphäre der Erzählung. Simenon gefällt es, auf seine eigenen Erfahrungen als Bootsfahrer zurückzugreifen, um seiner Geschichte einen wirklichkeitsgetreuen Hintergrund zu geben, auch dies ein Merkmal des objektiven Erzählens, hier glänzend ausgeführt.