Josef Quack

Kampf um ein besseres Dasein
"Die Hochzeit von Poitiers" (Simenon)




Resignatio ist keine schöne Gegend.

G. Keller

In Les noces de Poitiers (1960; Paris 2020), Die Hochzeit von Poitiers, kommen vier Themen zur Sprache oder zur Darstellung: ein Erlebnis des Autors; der Versuch eines jungen Paares, in Paris Fuß zu fassen; die Anstrengung, ein Mann zu werden, und die besondere Rolle, die die Idee des Schicksals spielt.

Grundsätzlich betrachtet, kann das autobiographische Thema in einem Roman zwei verschiedene Bedeutungen haben: Einmal besteht der Sinn eines Romans darin, daß ein Erlebnis, das erzählt wird, das Erlebnis des Autors ist. D.h. man versteht den Roman nicht, wenn man nicht erkennt, daß der Autor hier von sich selbst erzählt. Der Autor ist der Erzähler – zwei Rollen, die man sonst genau unterscheiden muß. Dieser Fall ist gewöhnlich gemeint, wenn von einer autobiographischen Interpretation eines Textes die Rede ist.

Im anderen Fall beschreibt der Roman ein Erlebnis, das zum Hintergrund der Geschichte gehört, aber ein erhellendes Licht auf die Autobiographie des Autors wirft. D.h. man muß den autobiographischen Charakter einer Episode nicht kennen, um den Sinn des Romans zu verstehen. Wenn man jedoch die Schilderung des Romans kennt, kann man bestimmte Ereignisse im Leben des Autors genauer oder überhaupt erst verstehen. Der Roman beschreibt reale Erlebnisse oder die näheren Umstände eines realen Erlebnisses, von denen man sonst nichts wüßte. Der Roman ergänzt den Lebensbericht des Autors, während im anderen Fall der Lebensbericht den Roman ergänzt.

Bei der Hochzeit von Poitiers haben wir es mit dem zweiten Fall zu tun. Im Roman hören wir Näheres und Genaueres von einem Erlebnis, das Simenon nach seiner Ankunft in Paris selbst hatte. Ich werde die Episode kurz behandeln, nicht nur, weil sie Auskunft gibt über Simenons erste Monate in Paris, sondern weil sie zeigt, wie Simenon autobiographischen Stoff in die Romanerzählung integriert. Er hat dem Roman die Notiz vorangestellt, daß alle Personenfiguren dieses Romans fiktiv seien und keine Beziehung mit lebenden oder verstorbenen Personen haben. Das ist eine juristische Vorsichtsmaßnahme, die insofern wahr ist, als die betreffenden Romanfiguren nur einzelne Züge mit den historischen Personen gemeinsam haben. Es ist aber nicht zu bestreiten, daß Simenon hier reale Beziehungen abbildet.

Gérard Auvinet, 20 Jahre alt, heiratet Linette Bonfils in Poitiers. Sie fahren sofort nach der Hochzeit nach Paris, um zu vertuschen, daß Linette schwanger ist. Man hat Gérard den Posten des Privatsekretärs von Jean Sabin in Aussicht gestellt. Als er ankommt, erlebt er eine Enttäuschung. Er wird nicht der Privatsekretär des berühmten Schriftstellers, sondern Bürojunge der Ligue Patriotique Française, dessen Präsident Sabin ist. Gérard hat Adressen auf Briefumschläge zu schreiben, die Post zu besorgen und Pressemeldungen an die Redaktionen der Pariser Zeitungen zu verteilen. Als seine Frau erkrankt, kann er sie selbst pflegen.

Er lernt Pilar kennen, eine junge Frau, die ihn mit M. Duhour bekannt macht, Besitzer mehrerer Kinos und Spielbanken. Er verspricht, ihm eine bessere Stellung anbieten zu können. Pilar ist die Freundin eines älteren, begüterten Mannes, dessen Töchter ihn von Pilar fernhalten, weil sie fürchten, daß er ihr sein Vermögen schenken könnte. Sie bittet Gérard, für sie einen Smaragdring zu verkaufen. Er lehnt die Hälfte des Geldes ab, als sie ihn über ihr Verhältnis zu jenem Mann aufklärt. Enttäuscht und desillusioniert, weil alle seine Versuche mißlingen, zu Geld und auf einen grünen Zweig zu kommen, beschämt, daß er von kleinen Betrügereien leben muß, resigniert er und gibt den Kampf um ein besseres Dasein auf. Auf den Rat Sabins hin nimmt er eine Stelle an einer Provinzzeitung in Tulle an.

Zu dem autobiographischen Aspekt wären folgende Punkte zu erwähnen. Über das Programm der Liga wird nur gesagt, daß sie patriotisch und französisch sei, während sie in Wirklichkeit ein Verband ehemaliger Kämpfer ist, die extrem rechte Ziele verfolgt. Im Roman wird vor allem ihre Bedeutungslosigkeit satirisch beschrieben, sie wird abgebildet in der Schäbigkeit ihrer Zentrale, ein heruntergekommenes Wohnhaus in einer Sackgasse: „Er würde der kleine falsche Sekretär von Jean Sabin bleiben, der selbst … /Denn endlich hatte er begriffen. Der große Romancier lebte auf Kosten der Liga … Der Rest war Schwindel. Es war im Namen der Liga, einiger tausend Dummköpfe, daß er die Stimme anschwellen ließ, bis dadurch das Telephon zu vibrieren begann, im Namen der Liga, daß er die Tür der Zeitungen bestürmte und es war auf Kosten der Liga, daß er im Erdgeschoß der Sackgasse Daru lebte, wo er auf einem Diwan schlief.“ (S.57)

Die Meldungen, die Sabin den Zeitungen schickt, haben keine wirkliche Bedeutung (S.44). Gérard erlebt einen Schock, als er den Generalsekretär der Liga in seinem schäbigen Zimmer dabei überrascht, wie er die Geldscheine aufstapelt, die ihm die Anhänger der Liga in Briefen schicken: „Er hatte gerade das Geheimnis dieses fremden Hauses entdeckt, das im Hintergrund seiner Sackgasse kauerte, mit seinen in Büros umgeformten Zimmern … Diese Haufen von Briefen, diese Scheine, klein und groß, diese Geldanweisungen …“ (S.91).

Wie sein reales Vorbild, Binet-Valmer, trägt Sabin ein Monokel (S.145; Stanley G.Eskin, Simenon, 1999, 100). Wie Sabin Gérard einen Zeitungsposten in Tulle vermittelt, so schlägt Binet-Valmer Simenon vor, Redakteur einer Zeitung in Nevers zu werden. Während Gérard den Vorschlag annimmt, lehnt Simenon ihn aber ab. „Wir verlassen Lüttich nicht, um uns in einem anderen Loch der Provinz zu vergraben“, schreibt Simenon an seine Frau (Pierre Assouline, Simenon, 1996, 123). Schließlich kann Simenon sich in Paris als Schriftsteller durchsetzen, während sein Romanheld am Ende resigniert.

Es gibt aber noch eine weitere autobiographische Beziehung. Denn die Frau Pilar des Romans erinnert an eine gleichnamige Frau, die Simenon an Silvester nach seiner Ankunft in Paris getroffen hat. Sie hat ihn in die Kunst des Liebens eingeführt, ebenso wie die fiktive Pilar Gérard darin unterweist (S. 103; Eskin S.95).

Gérard schreibt an seine Mutter, sich entschuldigend, daß er ihr kein Geld schickt, daß das Leben in Paris „in jedem Augenblick einer Schlacht“ gleiche, „um so schlimmer für die Schwachen“ (S.34). Er hat das „gewaltige Verlangen zu leben wie alle, wie die anderen von den Stunden, die verfließen, Nutzen zu ziehen“ (S.99), und er möchte als ein Mann betrachtet werden (S.151). Dann fühlt er sich als ein Gescheiterter, fast mit dem Verlangen, ein Gescheiterter zu sein, „ein Mensch, der an nichts gebunden ist“ (S.74). Als er den Generalsekretär wegen der Krankheit seiner Frau um Geld bitten muß und er fühlt, daß der Kommandant ihn nicht als Person, sondern als Typ behandelt, heißt es: „Niemals hatte er sich so klein gefühlt, so elend. Schlimmer als elend, unbedeutend … er war überwältigt von der Entmutigung“. (S.94)

Seine ambivalente Stimmung kommt gut im dem Moment zum Ausdruck, als Pilar ihn als Botengänger beim Verkauf des Ringes benutzt: „Er empörte sich nicht (révoltait). Er war gedemütigt, mehr gedemütigt, als er es jemals in seinem Leben war, er, der es so oft war, aber statt sich zu empören, grinste er mit einer Heiterkeit, die mehr oder weniger gut seine Bitterkeit verbarg.“ (S.135)

Schließlich aber entscheidet er sich, nicht mehr zu widerstehen: „Er wird nicht mehr kämpfen, damit ist Schluß … er allein wußte, wird jemals wissen, mit welch wilder Energie er gekämpft hatte“ (S.153). „Hatte er im Grunde nicht immer gefühlt, daß er ein Gescheiterter sein wird?“ (S.154).

Das Weitere überläßt er dem Schicksal, nicht ohne das Beste zu hoffen: „Könnte das Geschick, ein einziges Mal, nicht für ihn ausgehen“ (S.157). Er glaubt, daß die Geburt Linettes die Dinge in Ordnung bringen werde, es wäre ein Zeichen: „Ein Zeichen, das das Schicksal ihm geben werde, wenn man will, eine Art Versöhnung. Sagt die Bibel nicht, daß der Regenbogen …“ (S.166). De facto ist er bereit, als einer, der in Paris keinen Erfolg hat, der unerfreulichen Alternative zu folgen, ein Verzicht ohne Entmutigung, nicht mal mit Verzweiflung (S.168). Die plötzliche Geburt hat dann zur Folge, daß er sich für ein Leben in der Provinz entscheidet.

Erzählt wird das ganze aus der Perspektive Gérards. Seine Reflexionen über seine Erlebnisse, die ständigen Enttäuschungen, die Ausweglosigkeit seiner Lage, seine Verbitterung geben der Schilderung eine seltene Intensität. Seine Gedanken erreichen eine Helle und eine Klarheit, der er nicht entrinnen kann. Von den vielen Romanen, die Simenon über Gescheiterte geschrieben hat, ist dieser Roman einer der einprägsamsten.

Man übertreibt wenig, wenn man sagt, daß im Werk Simenons für die Menschen das Scheitern der Normalfall ist, wenn nicht in gesellschaftlicher Hinsicht, dann in existentieller Hinsicht, getreu der Erfahrung Simone de Beauvoirs, die sich um das Leben geprellt fühlte (Der Lauf der Dinge 1970,623).

Zum Schluß wären einige Parallelen zur Hochzeit von Poitiers zu nennen. In Les suicidés versucht ebenfalls ein junges Paar aus der Provinz in Paris Fuß zu fassen; da es ihm mißlingt, beschließt es, Selbstmord zu begehen. Das Thema, was es heißt ein Mann zu werden, hat Simenon in Le destin des Malou sozusagen vorbildlich behandelt, ausführlicher und genauer als in dem vorliegenden Roman (cf. J.Q., Leidenschaft im Werk Simenons, S.47f.; 156f.).

Im Kontext seines Œuvres betrachtet, liegt die literarische Bedeutung von Les noces de Poitiers in der Schilderung der Liga als eines politischen Verbandes, dessen gesellschaftlicher Einfluß von dem Ansehen eines Schriftstellers abhängt. Nur in einem Land mit der hochgebildeten literarischen Kultur Frankreichs ist ein derartiges Phänomen überhaupt denkbar. Die satirische Schilderung dieses Phänomens läßt die Verachtung durchscheinen, mit der Simenon den offiziellen Literaturbetrieb in Paris betrachtet.

Man kann Les noces de Poitiers einen Schicksalsroman nennen, weil der Protagonist am Ende sein Verhalten am Schicksal ausrichtet. Immerhin ist aber er ist, der bestimmt, was die Zeichen des Schicksals sind. Eine Pointe seines Verhaltens, die einen Rest von Selbstbestimmung markiert.

J.Q. — 10. März 2025

© J.Quack


Zum Anfang