Les dossiers de l’Agence O (1938 geschrieben, 1943 veröffentlicht; Paris 2016), Die Akten der Agentur O, sind ein Werk der Verlegenheit. Simenon schrieb die Erzählungen, während er sein neues Haus bei La Rochelle einrichtete und er für einen Roman nicht die nötige Zeit hatte (Intime Memoiren 1982, 55). Die Detektivgeschichten erreichen nicht das Niveau der Maigret-Serie, doch zeigen sie, daß Simenon über eine ausschweifende kriminelle Phantasie verfügte. Es sind aber eher literarische oder akademische Glasperlenspiele als Dokumente des wirklichen Lebens (cf. , Maigret oder Die Last der Verantwortung).
Torrence, der fünfzehn Jahre Inspektor bei Maigret war, leitet dem Namen nach die Agendur O, de facto ist aber Emil, ein rothaariger, langer Mann, über 30 Jahre alt, der Besitzer und das Hirn des privaten Detektivbüros. Er kann in einem Zimmer hinter dem Büro von Torrence durch eine Scheibe und ein Mikrophon verfolgen, was dort vor sich geht. Barbet, ehemaliger Taschendieb und Experte für Türschlösser bewacht das Vorzimmer, Fräulein Berthe ist die Sekretärin der Firma.
Emils Käfig
Im ersten Fall kommt Fr. Étrillard ins Büro und bittet Torrence gewisse Papiere im Safe aufzubewahren; nachmittags komme ihr Vater aus La Rochelle, ein Notar, um das Weitere zu erklären. Nervös, täuscht sie eine Ohnmacht vor und stiehlt in den Armen von Torrence aus dessen Jacke ein Taschentuch, ein Beweisstück von einem Juwelendiebstahl, der gerade begangen wurde. Als sie fortgegangen ist, meldet Emil, daß die Frau nicht mit dem angegebenen Zug nach Paris gekommen sein kann und es in La Rochelle keinen Notar jenes Namens gibt. Er holt die Papiere aus dem Safe, die sich bald entzünden, und bemerkt, daß sie das Beweisstück gestohlen hat. Emil beschattet offen die Frau, er weicht nicht von ihrer Seite und findet heraus, in welchem Hotel sie mit ihrem fiktiven Bruder James wohnt. Man findet dort aber keine Juwelen. Sie ist die Tochter des „kahlen Ted“, eines Meisterdiebs, der in New York im Gefängnis sitzt. Seine Tochter beging die Diebstähle in Paris, um mit dem Geld seine Befreiung zu organisieren. Emil findet heraus, daß sie die Juwelen in eine andere Stadt geschickt hat. Sie entkommt über die Grenze, die Agentur aber verfügt über die Juwelen, die sie der Versicherungsfirma zurückgeben kann.
Die Holzhütte
Eine junge Frau, die mit einem älteren Mann verheiratet ist, tötet ihren Freund, weil dieser sie verlassen will. Ihr Mann will das Verbrechen vertuschen, beseitigt den Leichnam. Emil aber kann den Tathergang rekonstruieren, dessen unplausible Ausführung auf die geistesgestörte Frau als Täter verweist.
Der splitternackte Mann
Ein Rechtsanwalt läßt sich in einem Lokal, wo er einen Zuträger treffen wollte, bei einer Razzia verhaften, weil er das Treffen nicht aufdecken wollte. Er kann seinen Auftrag, eine Aktion außerhalb der Legalität, mit Duldung der Agentur, ausführen.
Die Verhaftung des Musikers
Ein Mörder unterschiebt einem Jazzmusiker, der ihm die Freundin ausgespannt hat, die Tatwaffe und die Beute, um ihn zu zwingen, die Frau zurückzugeben. Die Agentur kann die Unschuld des Musikers durch geschicktes Arrangement nachweisen.
Der Würger von Moret
Ein englischer Journalist inszeniert, von Tahiti kommend, in der französischen Provinz einen Doppelmord durch Erwürgen, um an einen Perlenschatz heranzukommen, wird aber von der Tochter des ermordeten Besitzers vergiftet.
Der Alte mit dem Drehbleistift
Emil hört auf einer Caféterrasse, wie eine Frau mit ihrem Absatz eine Nachricht morst, eine genaue Adresse mit der Angabe des Stockwerks. Dort findet er in einem Schrank einen toten Mieter, einen polnischen Polizisten. Die Spur führt zu Preßformen polnischer Münzen, eine Tatsache, die, öffentlich bekannt gemacht, eine Panik in der polnischen Geldpolitik auslösen würde. Der Fund löst das Problem und Emil erhält eine Belohnung.
Die drei Boote in der Bucht
In einer Mittelmeerbucht vor Lavandou wird die Freundin eines holländischen Bankiers ermordet. Emil entdeckt den Mörder während der Rekonstruktion des Tathergangs. Der Mann ist ein Verbrecher aus Tunesien, wo die Frau einst gelebt hat. Sie wurde getötet, als sie ihn erkannte.
Die Blumenverkäuferin von Deauville
Ein Blumenmädchen und ein Hoteldiener, Henry, werden mit dem Revolver einer reichen Amerikanerin erschossen, deren Juwelen Torrence zu bewachen hat. Der Täter ist ein ungarischer Graf, der Henry wegen einer früheren Kränkung haßt. Henry ist Ungar und der Vater der Blumenverkäuferin und der Amerikanerin. Emil löst den Fall, weil er von einem Hoteldiener erfahren hat, daß Henry Ungar war.
Die Metrofahrkarte
Der Vizedirektor einer bekannten Firma erschießt den Mann, der ihn erpreßte, weil er in seiner Jugend in ein Verbrechen verwickelt war. Der Vizedirektor wird aber von einem Komplizen des Erpressers angeschossen und stirbt im Büro der Agentur. Emil kann den Komplizen ausfindig machen und ihm die Briefe wegnehmen, die zur Erpressung dienten. Er verbrennt sie aber, weil er den Angehörigen des Direktors, besonders seiner unscheinbaren Dienerin, keinen Kummer machen will.
Emil in Brüssel
Ein Zimmermädchen leiht sich den Nerzmantel der Hausherrin für ein Rendez-vous mit ihrem Bekannten. Dieser stiehlt den Mantel und läßt ihn von seiner Freundin über die Grenze nach Brüssel bringen. Emil und Torrence finden den Dieb und spüren seine Komplizin in Rotterdam auf. Emil stellt fest, daß in dem Futter des Mantel eine große Menge Dollars eingenäht sind, das Fluchtgeld eines bankrotten Filmemachers, des Liebhabers der Mantelbesitzerin, der Emil vergeblich an seinen Nachforschungen hindern will.
Der Gefangene von Lagny
Die Agentur bekommt den Brief eines Gefangenen, der seinen genauen Aufenthaltsort nicht kennt. Nach seinen Beschreibungen erkennt Barbet die Umgebung, ein verfallenes Haus neben einer aufgegebenen Ziegelei. Die Privatdetektive entdecken den leeren Raum eines Gefangenen und später im Keller die Leiche einer jungen blonden Frau. Das Haus war an einen Maler vermietet, der auf einem Seine-Boot lebt. Emil findet den Namen eines verschwundenen Senators heraus und den Ort, wo er jetzt gefangen gehalten wird. Der Senator hat von der Frau des Malers in London belastendes Material gegen den Maler erhalten, er will seine Tochter, die der Maler heiraten will, zurückholen. Deshalb hat man ihn eingesperrt.
Der Club der Alten Damen
Ein amerikanischer Gauner tritt, als Frau verkleidet, in den Club der Alten Damen ein, um einen Beweis zu finden, daß eine dieser Frauen als Zwilling die Stelle ihrer verstorbenen Schwester als Frau eines Millionärs nach dessen Tod eingenommen hat. Ein Apfel, mit den Bißstellen jener Frau, dient als Abdruck zum Beweis ihrer Identität. Er erpreßt die Frau um die Hälfte ihres Vermögens, wie Emil feststellt, der den Betrüger kennt und nach dem Motiv seines seltsamen Handelns geforscht hat.
Der Doktor Umso-Schlimmer
Eine Nichte verdächtigt einen Arzt eines Verbrechens, weil ihre Tante ihn tags zuvor besucht, aber seine Praxis nicht verlassen habe. Barbet findet die Praxis und die Villa der Tante nahe Paris leer. Am nächsten Tag wird die Tante in ihrem Haus entdeckt, mit einer Morphium-Spritze getötet. Emil weist nach, daß sie nicht in einer Kiste hierher transportiert worden sein kann. Er findet Leimspuren an ihrem Kleid, die zu der Kartonagewerkstatt des Schwagers der Nichte führen und sie als Mörder entlarven.
Die Erpressung der Agentur O
Torrence wird in einem Café verhaftet, weil er für einen Erpresser gehalten wird. Ein berühmter Bildhauer hat der Agentur das schriftliche Geständnis eines Totschlags übergeben. Torrence erhält einen Anruf, daß er ihm diese Papiere bringen soll. Diese Falle kann nur von einem Menschen gestellt worden sein, der die Gespräche in der Agentur gekannt hat. Es stellt sich heraus, daß man in dem Raum unter dem Büro von Torrence alles mithören kann, was dort gesprochen wird. Eine Maniküre hat das Gespräch an ihren Freund einen ehemaligen Häftling weitergegeben, der dann den Anruf machte.
Soweit die vierzehn Fälle der Agentur. Dazu wäre zunächst zu sagen, daß den Erzählungen, ganz im Gegensatz zu den Maigrets, eine realistische Grundlage fehlt – die berufliche oder geschäftliche Institution des Privatdetektivs hat im französischen Rechtssystem keinen „Sitz im Leben“, sie ist hier nicht vorgesehen – im Gegensatz zu Amerika, wo Privatdetektive seit Pinkerton zu dem System der Rechtsfindung gehören. Allan Pinkerton gründete 1850 die National Detective Agency, sie füllte eine Lücke in der Strafverfolgung und wurde auf dieses Art zur inoffiziellen Vorläuferin des FBI (J. Hembus, Westerngeschichte 1981,187). Es hat seinen guten, nämlich wirklichkeitsnahen Grund, daß Maigret ein Beamter ist, der seine Tätigkeit und ihre Berechtigung nicht erst begründen muß.
Zwischen dessen Romanen und den Akten der Agentur O besteht ein fundamentaler Unterschied. Das Interesse gilt hier nicht den Personen und ihren Problemen, sondern kunstvoll erdachten, oft verwickelten Geheimnissen. In den Maigrets geht es meistens um schlichte, überschaubare Handlungen, nicht um knifflige Verwicklungen, und der Kommissar ist kein Rätsellöser, sondern jemand, der verstehen will, wie ein Mensch zum Mörder werden kann. Seine Gabe ist die Menschenkenntnis, und alle Personen werden unter dem Aspekt der Humanität betrachtet, sie gewinnen durch die Perspektive Maigrets jene Lebendigkeit, die das Markenzeichen Simenons als Romancier ist (cf. , Maigret oder Die Last der Verantwortung).
Diese Lebendigkeit fehlt den Figuren der vorliegenden Detektivgeschichten, deren Akzent offensichtlich auf dem komplizierten Verbrechen liegt. Interessant ist jedoch, daß Torrence die Arbeit als Privatdetektiv mit einem Argument rechtfertigt, das dem Ideal des menschenfreundlichen Maigret recht nahekommt. Er sagt zu dem Polizeichef: „Unsere Rolle ist nicht notwendigerweise, das Gesetz zu verteidigen, sondern menschliche Anliegen (humains) zu verteidigen“ (S.648). Die Agentur berücksichtigt „das menschliche Interesse, das jede Untersuchung darstellt“ (S.594).
Entgegen diesem Motto schildern die Detektivgeschichten jedoch kriminelle Probleme, die von einem intelligenten Hirn im Stil des akademischen Detecktivromans gelöst werden, und für sie gilt die Beobachtung Siegfried Kracauers, daß die Auflösung im typischen Detektiv-Roman stets enttäusche, weil das Ergebnis meist in einer Tatsache besteht, „die an sich nichts besagt“, d.h. sie hat keinen existentiellen Sinn (Kracauer,Schriften 1, Der Detektiv-Roman. 1971, 196)
Freilich kann Simenon selbst in diesen schwachen Erzählungen die Pranke des Löwen nicht ganz verbergen. Sie zeigt sich vor allem in einigen atmosphärischen Schilderungen, so in der Vergegenwärtigung des gesellschaftlichen Klimas an der Mittelmeerküste, in der Schilderung der Dienerschaft in Grands-Hotels und dem Lob der belgischen Heiterkeit, einer reinen Schlemmerei. Als Rätselfreund kann man auch Simenons Erfindungsgabe in kriminellen Sachen bewundern, so vor allem den originellen Einfall, in der Öffentlichkeit sich durch Morsezeichen zu verständigen, wenn man in bedrängter Lage etwas mitteilen will, das nicht verstanden werden soll.