Josef Quack

Schulweisheit, kein bißchen weise
Über Otfried Höffes "Hohe Kunst der Weisheit"




Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden,
Als eure Schulweisheit sich träumt.
There are more things in heaven and earth, Horatio,
Than are dreamt of in your philosophy.

Hamlet I,5

Otfried Höffe, Jahrgang 1943, emeritierter Professor von Tübingen, macht es den Lesern nicht leicht, seiner Hohen Kunst der Weisheit. Kleine Philosophie der Lebensklugheit (2025) zuzustimmen. Er pflegt nämlich einige philosophische Klassiker nicht nach ihren Werken zu zitieren, sondern nach einem von ihm herausgegebenen Lesebuch. Das ist wohl kaum weise, sondern nur geschäftstüchtig. Wer die Quellen wissen will, muß sich also sein Lesebuch besorgen.

Zweitens hält er sich an die Leitfrage, ob sich Weisheit lehren und lernen läßt, ein peripherer, typisch schulischer Gesichtspunkt, obwohl er selbst einsehen muß, daß die Frage unergiebig ist und Weisheit nur in engen Grenzen lehrbar ist (S.187). Es ist eine Randfrage, die für die eigentliche philosophische Frage, wissen zu wollen, was Weisheit überhaupt ist, nicht die geringste Rolle spielt, wohl aber den verinnerlichten Lehrerberuf des Autors nur zu deutlich verrät, so auch seine Manier, Ratschläge zu erteilen – als gehöre die Philosophie zur Sparte der Ratgeberliteratur. Dieses Buch enthält in der Tat auf weite Strecken philosophische Ratschläge zur Lebensführung.

Außerdem passen Titel und Untertitel des Buchs nicht recht zusammen: Die hohe Kunst und die kleine Philosophie. Ist die hohe Kunst der Weisheit nicht per se eine große Philosophie, die größte, die man sich denken kann?

Höffe behauptet, die Philosophie könne keine „Rezepte für ein gelungenes Leben“ geben (S.66), um dann doch nichts anderes als Ratschläge dieser Art zu geben:

1. Man soll nach einem insgesamt zufriedenen Leben streben, nicht nach einem momentanen (S.69).

2. Eine säkulare Gesellschaft schließt eine Teilhabe am Göttlichen nicht aus, empfiehlt aber demgegenüber Zurückhaltung (S.75)

3. Es sei „die Tugend der Besonnenheit auszubilden und sie, wo erforderlich, zu praktizieren“ (S.81)

4. Man mache sich von der Illusion frei, daß das Lebensglück berechenbar sei und „vertraue, wenn man schon eine optimale Gesamtbilanz anstrebt, auf eine hedonistische Vernunft“ (S.85)

5. Man mache aus Geld ein Zwischenziel, aber kein Endziel des Lebens. (S.86)

6. Man praktiziere Macht als sinnvolles Zwischenziel, aber nicht als Endziel. (S.89)

7. Man binde sein Lebensglück nicht an unerfüllbare Hoffnungen, sondern halte sich an Zuversicht und Selbstvertrauen. (S.92)

8. „Man gebe sich häufig mit dem kleineren Glück zufrieden, behalte sich aber für das größere Glück eine Erwartungsreserve vor.“ (S.92)

Diese Empfehlungen mögen mehr oder weniger sinnvoll sein, sie machen aber doch kaum das Wesen der Weisheit aus, wie sie etwa von Sokrates repräsentiert wird. Genau besehen, sind es Merkmale einer Lebensführung von Menschen bescheidenen, wenn nicht lahmen Geistes. Höffe scheint Weisheit mit Biederkeit zu verwechseln.

Übrigens ist die Diktion im 8. Rat ein Musterbeispiel einer falschen Gelehrsamkeit, umständlich und redundant. "Sich einen Vorrat an Erwartung vorbehalten" - damit ist auf gut deutsch nichts anderes gemeint als "erwarten".

Da Höffe selbst gerne Ratschläge gibt und Lebensweisen empfiehlt, unterschiebt er diese Tendenz auch der Existenzphilosophie und behauptet, sie sage, man solle eigentlich und authentisch leben (S.96). Er scheint nicht zu wissen, daß Heidegger und Sartre Phänomenologen sind, die Phänomene beschreiben und analysieren, keine Vorschriften machen. Heidegger unterstreicht ausdrücklich: „Die existentiale Interpretation wird nie einen Machtspruch über existentielle Möglichkeiten und Verbindlichkeiten übernehmen“ (Sein und Zeit 1979, 312). Und in dem berühmten Spiegel-Gespräch (Nr.23/1976) bekräftigt er: „Im Bereich des Denkens gibt es keine autoritative Aussagen“. D. h. er spricht der Philosophie in moralischen Dingen jede normative oder präskriptive Kompetenz ab (cf. J.Q., Über Heideggers ethische Skepsis S.63ff.).

Dann spricht Höffe von der „hohen Kunst des Alterns“ und gibt dazu vier Empfehlungen: Laufen, Lernen, Lieben, Lachen (S.110) – deren Banalität offenkundig ist. Die Altersweisheit des Autors ist deshalb so unglaubwürdig, weil er die Schattenseite dieser Endphase des Lebens ausblendet. Hier wären drei Aspekte zu betonen.

Sartre hat die gewöhnliche Erfahrung auf den Punkt gebracht: „Die Geschichte eines beliebigen Lebens ist die Geschichte eines Scheiterns“ (Das Sein und das Nichts 1980, 610). Im übrigen sind die Klagen über ein ungelebtes Leben Legion und Georges Simenon hat eine stattliche Serie von Romanen über ein verfehltes Leben geschrieben (cf. J.Q., Simenons traurige Geschichten S.9ff.).

Zweites schreibt Carl Schmitt, damals 93 Jahre alt, zu den unvermeidlichen Altersbeschwerden: „‘Das Alter ist ein Schiffbruch, naufrage’, sagte de Gaulle. Das ist noch viel zu großartig gedacht und gesprochen – geprahlt.“ (zit. E.Jünger, Siebzig verweht III, 1993, 51. 25.3.1981).

Drittens verliert Höffe kein Wort über die größte der Ängste des Alters, die Angst, dement zu werden, den Verstand zu verlieren. Annette von Droste-Hülshoff aber hat in ihrem Gedicht „Am Gründonnerstag“ eben die Angst und die Gefahr, den Verstand zu verlieren, ausgesprochen und beklagt. Erstaunlicherweise hat auch eine Lyrikerin unserer Tage, Friederike Mayröcker, die Erfahrung des drohenden Verstandesverlustes beschrieben: „habe die Hände (von) Melancholie“ (cf. J.Q., Über die Rückschritte der Poesie S.158ff.)

Unser Autor aber hat über die Schattenseiten des Alters nichts zu sagen und, was damit zusammenhängt und gravierender ist, er hat über den Tod nichts zu sagen, der schwerste Einwand gegen eine Philosophie. Schicksalsschläge erwähnt er am Rande, ohne dem Ernst der Sache gerecht zu werden (S.177; 228). Es fehlt eine Betrachtung über den Ernst, nach Seneca ein Wesensmerkmal der Weisheit: "Res severa est verum gaudium" (Eine ernste Sache ist die wahre Freude).

Der größte Fehler oder der gravierendste Irrt um ist in der Ethik Höffes zu finden. Er behauptet, die sieben Gebote und Verbote der zweiten Tafel des Dekalogs bedürften keiner religiösen Argumente (S.137). Er übersieht dabei, daß ihr Pflichtcharakter sich daher leitet, daß sie Gebote Gottes sind. Dies hat Schopenhauer erkannt und erklärt, daß „Einführung des Begriffes Gesetz, Vorschrift, Soll auf den Mosaischen Dekalog“ zurückgehe (Über die Grundlage der Moral §4). Im gleichen Sinne schreibt Nietzsche: „Die christliche Moral ist ein Befehl; ihr Ursprung ist transzendent … sie hat nur Wahrheit, falls Gott die Wahrheit ist – sie steht und fällt mit dem Glauben an Gott“ (Götzendämmerung, Streifzüge 5).

Höffe redet dann von dem „allen Menschen gemeinsamen Moralbewußtsein“ (S.154) — was schlicht falsch ist, gibt es doch sehr wohl Menschen, die keinen moralischen Sinn haben. Dagegen hat Kant, die bevorzugte Autorität Höffes, durchaus gesehen, daß ein Mensch amoralisch sein könne. Doch glaubt er, dieser Mensch fürchte „ein göttliches Dasein und eine Zukunft“, sodaß er von unrechten Handlungen abgehalten werden könne (Kritik der reinen Vernunft A 830). Kant beruft sich also, entgegen seiner autonomen Ethik, hier auf ein Argument einer theonomen Ethik, so wie es Schopenhauer und Nietzsche gesehen haben.

Es ist richtig, daß es „in der Moral um uneingeschränkt gültige Verbindlichkeiten“ gehe, wenn man darunter eine deontologische Ethik versteht (S.149). Doch kann Höffe auf säkularer Grundlage nicht begründen, warum wir unbedingt verpflichtet seien, bestimmte Normen einzuhalten. Am Beispiel der Lüge hat er nicht plausibel machen können, daß sie in jedem Fall verboten sei. Es gibt durchaus Situationen, in denen es moralisch erlaubt ist zu lügen. In dem Film Weißer Jäger, schwarzes Herz (Drehbuch P. Viertel) sagt ein Produzent: „Wenn ich immer die Wahrheit gesagt hätte, wäre ich heute ein Stück Seife“.

Höffe spricht von Selbstlüge (S.148) — was nicht richtig ist. Wenn man unter lügen versteht, bewußt die Unwahrheit zu sagen, so ist es unmöglich, sich selbst zu belügen, während man sich sehr wohl über sich selbst täuschen kann.

Gelegentlich äußert er moralische Verbote, ohne auch nur zu versuchen, sie zu begründen. So wenn er schreibt, niemand habe "ein Recht, jemandem mangelnden Lebensmut vorzuwerfen" (S.177ff.). Von der fehlenden Begründung abgesehen, kann es durchaus richtig sein, jemand diesen Vorwurf zu machen - um ihn zum Nachdenken anzuregen.

Die Weisheit der Lebenserfahrung betreffend, stellt er einen „demokratischen Grundzug“ fest: „Für durchaus lebenswichtige Einsichten braucht es keine Gelehrsamheit.“ (S.107) Gemeint ist, daß jeder Mensch aus seiner Lebenserfahrung lernen könne. Wenn man unter einem demokratischen Staat ein Land versteht, in dem das Volk die Herrschaft innehat und alle Menschen gleiche Rechte und Pflichten haben, so ist das Adjektiv für den Tatbestand, den Höffe meint, ungeschickt gewählt. Denn hier geht es um geistige Anlagen, die jeder Mensch besitzt, im Gegensatz zu einem Gelehrtenwissen.

Der Fall zeigt aber eine bezeichnende Leerstelle in der Weisheitslehre des Autors: Darin kommt nämlich der gesunde Menschenverstand nicht vor. Er und nicht ein privilegiertes Wissen ist nämlich der Maßstab, an dem philosophische Einsichten gemessen werden. Hier gilt der Grundsatz, daß in philosophisch strittigen Fällen, die von existentieller Bedeutung sind, die Argumente des gesunden Menschenverstandes den Ausschlag geben. Philosophie bedeutet ursprünglich, was heute manche ihrer Vertreter nicht mehr gerne hören, Liebe zur Weisheit. Was aber weise ist, können sie, wie Popper einmal bemerkte, gewiß nicht entscheiden. (cf. J.Q., Wenn das Denken feiert S.8)

Höffe behauptet, die Selbstachtung oder die Selbstanerkennung sei in moralischer Hinsicht vorausgesetzt, bevor man „von seinen Mitmenschen die Anerkennung als rechtsfähiges Wesen einfordern“ könne (S.152). Und: „Es ist die Selbstachtung, die jedem Menschen gebietet, sich als rechtsfähige Person zu etablieren und sich als Selbstzweck zu behaupten.“ (S.152) Warum es aber geboten ist, sich als Person zu verstehen, wird nicht gesagt. Außerdem gilt z. B. nach einer christlichen Ethik, daß man selbst die Menschen, die ihre Selbstachtung verloren haben, als Personen achten und behandeln soll.

Höffe übersieht in seiner Erklärung, daß wir es sind, „die alle Menschen als Rechtsträger anerkennen“ (E. Tugendhat, Vorlesungen über Ethik 1995, 345). Das heißt, wir entscheiden uns, die anderen Menschen als Personen anzuerkennen. Die moralische Einstellung beruht auf einer Entscheidung – eine Kategorie, die bei Höffe entschieden zu kurz kommt. Er erwähnt sie einmal en passant in einer Liste psychologischer Weisheitsmerkmale, die im übrigen, wie zu erwarten, recht albern sind (S.176).

In dem Kapitel über das Erbe der Weltweisheit kann man manche überraschende Einsicht aus uralten Zeiten lesen, und Höffe betont zu Recht, daß viele Lebensweisheiten allen Kulturen gemeinsam sind und kulturelle Differenzen nur eine geringe Rolle spielen.

Ablehnen muß man jedoch manchen Kommentar des Autors. Was die griechischen Götter und der christliche Gott angeht, so stimmt er dem abwegigen Vergleich von Julian Barnes zu, die alten Götter seien Götter des Lichts und der Freude gewesen, der Gott der Christen ein Gott der Finsternis (S.215), ein Vergleich, der ebenso falsch wie unsinnig ist. Denn Barnes übersieht, daß über den Göttern das unerbittliche Schicksal waltete, das keineswegs freudvoll war.

Außerdem widerspricht jene Behauptung der Tatsache, daß sich die christliche Religion gegen den antiken Glauben, wenn man hier überhaupt von einem Glauben sprechen kann, so erfolgreich durchsetzen konnte. Vor allem aber ist die Theorie von den heiteren Göttern als den bestimmenden geistigen Instanzen Griechenlands schlechthin unvereinbar mit dem „griechischen Pessimismus“, den Jakob Burckhard und Friedrich Nietzsche als Grundstimmung von Hellas erkannt und analysiert haben (E. Friedell, Kulturgeschichte Griechenlands 1985, 55).

Höffe zitiert eine Stelle aus dem Kolosserbrief (2,8f.), wo die Philosophie und „die Mächte der Welt“ kompromißlos verurteilt und verworfen werden (S.214). Er übersieht dabei, daß Paulus sich hier, laut dem Kommetar des Übersetzers Otto Karrer, wahrscheinlich auf phrygische dämonische Heilslehren bezieht, was ja keineswegs bedeutet, daß Paulus jede „außerchristliche Weisheit“ verwerfe, wie Höffe meint. Er scheint die klassische Aussage der Bibel nicht zu kennen, daß „die Heiden aus natürlichem Antrieb das Gebotene tun“, es sei ihnen in das Herz geschrieben und vom Gewissen bekundet (Brief an die Römer 2,5).

Übrigens schätzt Kant das Neue Testament positiver ein als der Verfasser. Wie erwähnt, war Kant kein rein säkularer Denker. Er verwendet selbst in seiner autonomen Ethik religiöse Argumente. In einem Brief an H. Jung-Stilling (Frühjahr 1789) aber nennt er das Neue Testament einen "unvergänglichen Leitfaden wahrer Weisheit, von welchem die Vernunft ein neues Licht in Ansehung dessen bekommt, was ihr immer dunkel bleibt und wovon sie doch Belehrung bedarf" (zit. J.Pieper, Schriften zum Philosophiebegriff 2004, 153).

Ich denke, aus diesen Anmerkungen wird zur Genüge ersichtlich, daß diese Schrift keineswegs als "hohe Kunst", geschweige denn als eine Kunst der Weisheit gelten kann, nicht zu reden von dem glanzlosen, hausbackenen, trockenen Stil des Autors, einer uneleganten Diktion ohne begriffliche Schärfe, wie man sie von einem Vertreter der traditionellen Philosophie hätte erwarten können.

Meine Enttäuschung über diese Arbeit eines renommierten Fachphilosophen ist groß. Zu tadeln ist nicht, daß er, als Interpret von Aristoteles und Kant, die traditionelle Philosophie vertritt, sondern daß er sie nicht so glaubwürdig vertritt, wie es ihrer eminenten Bedeutung entsprechen würde. Insofern ist die Philosophie dieser Schrift wirklich klein.

Was das Thema angeht, so hat ihn seine irrationale Abneigng gegen die Existenphilosophie daran gehindert, das prägnanteste Prädikat für Weisheit zu verwenden, "existentiell". Weisheit ist nichts anderes als eine Art existentiellen Wissens, eines Wissens, das den Menschen unendlich interessiert, wie Kierkegaard sagt. Von dieser dringlichen Charakteristik ist in Höffes Buch herzlich wenig zu spüren.

J.Q. 25. März 2025

©J.Quack


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