Josef Quack

Aus den Niederungen der Presse der Jetztzeit
Zu Interviews der "Süddeutschen Zeitung"




Es gibt eine Presse, die das Bedürfnis des Publikums nach Erbärmlichkeit in einer Art sättigt, daß sich dem Publikum der Magen umdreht.

K. Kraus

Man möchte unsere Epoche für besonders stupid halten, wenn man die Idole sieht. Wahrscheinlich ists aber immer so.

E. Jünger

Die Welt gehört den Schamlosen.

R. Quinton

Der Sammelband von Sven Michaelsen, Das drucken Sie aber nicht! (München 2018) enthält Interviews, die im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen sind. Es sind reine Klatschgeschichten – ohne den Anspruch, mehr sein zu wollen als reine Klatschgeschichten. Der Blick der redenden Figuren ist meist auf die Dessous gerichtet oder die Bas-Fonds der Gesellschaft. Etliche Zeitgenossen outen lustvoll ihre Intimitäten und entlarven ebenso lustvoll die Perversitäten anderer Menschen. Eine Geschichte handelt von einem sadistischen Vater und einem exhibitionistischen Sohn – man weiß nicht, wen man mehr verurteilen und verachten soll: den Monster-Vater oder den jämmerlichen Sohn, der es genießt, öffentlich verprügelt zu werden. Der Abkömmling einer Nazi-Größe bringt es fertig, zu bekennen, daß er den Haß auf seinen Vater pervers abreagiert hat. Den gleichen Ungeist verrät die denunziatorische Meldung eines mit wenigen literarischen Gaben ausgestatteten Autors, der von der polymorphen Perversität eines berühmten Autors zu berichten weiß.

Es kommen zwei Romanciers zu Wort: ein Namenloser und ein Nobelpreisträger. Zu sagen haben beide nichts. Nicht viel mehr hat ein Spaßphilosoph zu bieten, der von seriösen Fachphilosophen und anderen Leuten mit Verstand nicht ernst genommen wird. Man erfährt die altbekannte Neuigkeit, daß im Kunstmarkt die Kunst längst die Beute der Superreichen geworden ist, die die ersteigerten Werke in zollfreie Container verschließen. Es hat sich auch längst herumgesprochen, daß es heute Künstler gibt, die statt Kunst reale Ekel-Produkte herstellen und als Kunst deklarieren – und damit viel Geld verdienen.

Kurzum, ein Band voller Nichtigkeiten sich selbst meist überschätzender Typen der Eitelkeit. Warum aber ein solches Druckerzeugnis der plattesten Banalität besprechen, statt es einfach zu ignorieren, wie die Sammlung es verdient hätte? Nun, diese Befragungen und Statements sind offensichtlich symptomatisch für zwei Tendenzen des launischen Zeitgeistes, die doch wenigstens andeutungsweise beschrieben seien.

♦ Erstens, diese Gespräche sind nicht in irgendeiner farbigen Illustrierten oder einem Boulevard-Blatt für Analphabeten erschienen, sondern in einer renommierten, überregionalen Tageszeitung mit ruhmvoller Vergangenheit und illustren Mitarbeitern, die ich hier nicht namentlich aufzuführen brauche. Warum aber nun dieser Absturz des Blattes ins Sensationell-Banale? Weil die Zeitungen im Zeitalter der digitalen Medien ihre Funktion verloren haben, versucht die SZ mit allen reißerischen Mitteln Aufmerksamkeit zu erregen, um wenigstens als Blatt der Unterhaltung noch wahrgenommen und gelesen zu werden.

Einst dienten die Zeitungen zur Information, der Meldung von Neuigkeiten, der politischen und kulturellen Analyse und Bildung, der geistreichen Unterhaltung, selbst dem Vorabdruck von Romanen. Der Bedarf von Unterhaltung aber wird schon lange hauptsächlich vom Fernsehen gedeckt. Informationen aller Art werden heute fast zeitgleich und weit umfangreicher, als es eine Zeitung je könnte, vom Internet geliefert. Das Internet enthält sogar Ansätze politischer Untersuchungen und Bewertungen, während es heutzutage praktisch keine Leitartikler von Format mehr gibt. Wie es übrigens auch kein lesenswertes Feuilleton mehr gibt, wie der Illustrierten-Verleger in jenem Band der SZ richtig festgestellt hat.

Wozu also noch Zeitung lesen? Es fehlen ihr schlicht und einfach die klugen Köpfe, welterfahrene Korrespondenten wie Peter Scholl-Latour, politische Analytiker wie Rudolf Augstein oder Theo Sommer, historisch gebildete Publizisten wie Sebastian Haffner oder Joachim Fest, Literaturkritiker wie Reich-Ranicki und Joachim Kaiser. Weil also die Zeitung praktisch nichts mehr zu melden hat, mangels sinnvoller Funktion und guten Schreibern, bringt sie aufsehenerregende Interviews als Bonbons der schamlosen, tabubrechenden Unterhaltung, um wenigstens wirtschaftlich überleben zu können. Das gleiche Motiv dürfte auch hinter dem gefälschten Interview mit Clint Eastwood stecken, das kürzlich in der SZ erschienen ist.

♦ Zweitens sind jene geistverlassenen Interviews symptomatisch für eine weitere Strömung der Zeit. Sie dokumentieren mit überwältigender Evidenz, daß wir in der Spätzeit unseres Kulturkreises leben. Das entscheidende Merkmal aber kultureller Spätzeiten ist künstlerische Unfruchtbarkeit, wie Oswald Spengler in seinem historischen Überblick plausibel gemacht hat. Daß aber die Künste unserer Zeit durch Sterilität, mangelnde Originalität und Abwesenheit von jeglichem Sinn geprägt sind, ist so offensichtlich, daß man sich fast geniert, es noch zu begründen.

Man weiß zur Genüge, daß in der bildenden Kunst der Gegenwart die Apotheose des Häßlichen, Abstoßenden oder Nichtssagenden an der Tagesordnung ist und in Museen ausgestellt wird, während die besser informierte Masse der Menschen immer noch lieber die Museen der klassischen Kunst besucht. Das Theater der Zeit ist schlicht belanglos, ebenso die zeitgenössische Musik, wenn es nicht gerade geistreiche Songs sind. Die Theaterbühnen hätten längst bankrott gemacht, wenn sie nicht staatlich subventioniert würden. Die Romanliteratur wird von namenlosen Autoren besiedelt, der letzte große deutsche Roman liegt Jahrzehnte zurück. Werke der reinen Dichtung sucht man schon lange vergebens in unserer Zeit (cf. J.Q., Über die Rückschritte der Poesie dieser Zeit).

Der Beginn des intellektuellen Niedergangs der ZEIT und der FAZ läßt sich ziemlich genau datieren. Er setzte ein, als Figuren der Halbbildung die Leitung des Kulturressorts übernahmen, intellektuelle Blender wie Frank Schirrmacher, der nur in einer von allen guten Geistern verlassenen Epoche des Bildungsverfalls einflußreicher Publizist werden konnte. Daß man nach ihm sogar einen Preis benannt hat, erscheint heute als reine Farce. Übrigens geistert sein Name noch durch jene Interviews, in welche Gesellschaft er auch ganz gut passen würde.

Merkwürdig, daß es schon lange auch keine überwältigenden Unterhaltungsfilme mehr gibt. Ebenso merkwürdig ist, daß Andy Warhol trotz seiner widerlichen Provokationen immer noch als führender Champion der Pop-Art verehrt wird. Es hat seinem Ruf seltsamerweise bis heute nicht geschadet, daß er in dem Western Lonesome Cowboys (1968) echte Vergewaltigungen gefilmt haben soll (J. Hembus, Western-Lexikon 1978, 370).

Während die Spätzeit unseres Kulturkreises durch künstlerische Unfruchtbarkeit bestimmt ist, kann man in Wissenschaft, Medizin und Technik das Gegenteil wahrnehmen, nämlich fast märchenhafte Fortschritte und Verbesserungen. Manchmal hat man den Eindruck, daß die Künstliche Intelligenz die natürliche Intelligenz uneinholbar überflügeln könnte.

Wo aber sind die Kritiker der Kultur, die die Phänomene des Fortschritts genau in den Blick nehmen und sachgerecht beurteilen? Und wo sind die Romanciers, die die Folgen dieser Trends für den einfachen Mann erforschen und beschreiben – zum Exempel nach Art des Pnin von V. Nabokov, eines ahnungslosen, verstörten Professors, der sich in den amerikanischen Verhältnissen nicht zurechtfindet? Wo sind die Nachkommen des Futurismus, die die technischen Errungenschaften und humanen Erleichterungen literarisch oder bildnerisch billigen und enthusiastisch feiern?

Es gibt tatsächlich eine Monatszeitschrift, dessen Redakteur sich ausdrücklich von jeder Kulturkritik distanziert hat – weltfremder könnte ein Publizist nicht sein. Seine Zeitschrift hat denn auch niemals von sich reden gemacht. Ein amerikanischer Philosoph, Arthur Danto, hat in seinem Buch Verklärung des Gewöhnlichen den Versuch unternommen, die Pop-Art als eine Weise der Reflexion über den Begriff der Kunst zu erklären und ist mit diesem Versuch der Sinngebung des Banalen richtiggehend gescheitert. Ein Philosoph aber, der dem Zeitgeist erliegt, verspielt seinen Ruf. Denn, wie R. Pannwitz sagt: „Die Philosophie ist die Richterin eines Zeitalters; es steht schlimm, wenn sie statt dessen sein Ausdruck ist.“

J.Q. 22. Juli 2025

©J.Quack


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