I have supped full with horrors.
Direness, familiar to my slaughterous thougths,
Cannot once start me.
Ich habe mit dem Grau’n zu Nacht gespeist.
Entsetzen, meines Mordsinns Hausgenoß,
Schreckt nun mich nimmermehr.
Die Lektüre dieses Buches von Jorge Semprun (1923-2011) ist, dem Gegenstand entsprechend, eine quälende Lektüre. Sie wird aber erleichtert und erträglich gemacht durch die Überlegungen des Autors über sein Thema, wie er das Grauen von Buchenwald überleben konnte. Ich bespreche hier dieses Buch, das im Französischen übrigens prägnanter L’écriture ou la vie (Das Schreiben oder das Leben) heißt, weil es hierzulande bei weitem nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die es verdient hätte. Das aber ist ein Problem der gemeinsamen, öffentlich gepflegten Erinnerung. Das Problem der Erinnerung ist aber wiederum ein Thema dieser umsichtigen, gedankenreichen Schrift, die man eine essayistische Erzählung oder einen erzählenden Essay nennen könnte.
Der Spanier Semprun schreibt französisch, weil er das Französische als seine zweite Muttersprache gewählt hat. Er hat in seinem Pariser Exil 1939 ein französisches Gymnasium besucht und danach in Paris Philosophie studiert. Er erwähnt das Standardwerk über sein Thema: „Der SS-Staat von Eugen Kogon, zweifellos der objektivste und erschöpfendste Bericht – obwohl unmittelbar nach der Befreiung des Lagers geschrieben – über die Lebens-, Arbeits- und Todesbedingungen in Buchenwald“ (S.336).
Semprun ist höchst erstaunt, daß Kogon (1903-1987) das Buch unmittelbar nach der Befreiung (1946) schreiben konnte, weil er selbst nicht in der Lage war, damals aufzuschreiben, was er erlebt hatte. Von dieser Schwierigkeit handelt sein Buch über Das Schreiben oder das Leben, was heißen soll, daß sich diese beiden Zustände oder Tätigkeiten für ihn gegenseitig ausschlossen. Er konnte nur leben, weil er auf das Schreiben seiner Erlebnisse verzichtete. Er hatte wohl auch noch nicht die erforderliche geistige Reife.
Kogon war übrigens damals fast doppelt so alt wie Semprun, er war studierter Soziologe und erfahrener Publizist, er hatte zweifellos die intellektuellen und psychischen Voraussetzungen für die Aufgabe, die Bedingungen des KZs in Buchenwald zu beschreiben und die Institution des nationalsozialistischen Staates zu analysieren.
Das Buch, das Semprun Jahrzehnte nach dem Krieg schreiben konnte, ist aber kein chronologischer Bericht über seine achtzehnmonatige Haft in Buchenwald und die vorhergehenden Jahre in der Résistance, sondern ein Bericht über die verschlungenen Wege seiner mehr oder weniger zufälligen Erinnerungen an die Zeit in Buchenwald. Er schildert die Assoziationen, die ihn schließlich zur Erinnerung einzelner Episoden in Buchenwald geführt haben. Er spricht von der „beabsichtigten Unordnung dieses Berichts“ (S.26) und von den „Mäandern des Gedächtnisses“ (S.210).
Diese unübersichtlichen Pfade der Erinnerungen und oft weitab führenden Assoziationen beschreibt er dann aber einigermaßen ausführlich, oft ausführlicher als die ursprünglichen Erlebnisse, die ja doch die Substanz dieser literarischen Anstrengung sind. Die Ehrlichkeit gebietet es, nicht zu verschweigen, daß dieses Konzept des Erzählens gelegentlich verwirrend ist. Semprun hat die Mahnung Brechts manches Mal ignoriert, daß die Darstellung einer Verwirrung keine verwirrte Darstellung sein sollte. Es wird also vom Leser erwartet, daß er in diesem Labyrinth den Faden der Geschehnisse nicht verliert. Nach dieser Leistung erwartet ihn das Tableau der historischen Episoden und durchdringenden Reflexionen.
♦ Von den erschütternden Episoden, die Semprun schildert, möchte ich die folgenden Erlebnisse erwähnen, die in mancher Hinsicht signifikant sind. Am 12. April 1945, dem Tag nach der Befreiung Buchenwalds durch die 3. amerikanische Armee Pattons, begegnete Semprun zwei britischen Offizieren und einem französischen Offizier, die vor seinem Blick erschraken und ihm auswichen. Es war der Entsetzen auslösende Blick eines Wiedergängers aus dem Reich des Todes (S.24). Damit hat Semprun einen Aspekt des Verhaltens beschrieben, das die Menschen einnahmen, wenn sie einem überlebenden KZ-Häftling begegneten.
Dieser Moment erklärt die Haltung der Menschen in ähnlicher Situation. Diese Offizieren waren in großer Verlegenheit, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollten. Wie auch die Menschen im allgemeinen, die in der Folge seinesgleichen trafen. Einige vermieden es, Fragen zu stellen; andere stellten oberflächliche, törichte Fragen: „Sobald in den Antworten der Tod auftauchte, wollten sie nichts mehr hören. Sie waren nicht mehr fähig, weiter zuzuhören.“ (S.163)
Am 14. April 1945 hörten Semprun und ein Kollege beim Kontrollgang durch das Lager einen „schaurigen Singsang“ aus der Baracke der verstorbenen Häftlinge aus Auschwitz. Es ist das Kaddisch, das jüdische Gebet für die Toten, gesungenen von einem schwerkranken ungarischen Juden. Er wurde zum Krankenbau des Lagers gebracht und wahrscheinlich gerettet (S.37f.).
Während der Kollege Hilfe holt, erinnert Semprun sich an einen anderen Gesang. Es war La Paloma, gesungen im Herbst 1943 von einem deutschen Besatzungssoldaten einsam an einem Flußufer, von Semprun und einem anderen Angehörigen der Résistance beobachtet, die ihn dann erschossen, was bei Semprun beinahe eine Nervenkrise auslöste (S.44f.).
Dieser Bericht ist übrigens ein anschauliches Beispiel für die Wege der assoziativen Erinnerungen, die hier beschrieben werden. Das Kaddisch erinnert an La Paloma.
Die erschütterndste Episode ist wohl der Bericht über die sogenannten „Sonderkommandos“ von Auschwitz. Ein Überlebender von Auschwitz, ein polnischer Jude, war bei diesem „Sonderkommando“ gewesen, dessen Aufgabe es war, die Leichen der Gaskammer zu den Verbrennungsöfen zu bringen. Diese Häftlinge werden regelmäßig von der SS erschossen. Jener Häftling konnte in dem Durcheinander vor dem Nahen der sowjetischen Armee sein Leben retten, bevor er nach Buchenwald kam. Aber er hat beim Vortrag merkwürdigerweise Angst, nicht glaubwürdig zu sein. Denn „in den Gaskammern der Nazis gab es, wird es nie Überlebende geben“; während es „nämlich bei allen Massakern der Geschichte Überlebende gegeben hat“.
„Er hatte lange gesprochen, wir haben ihm schweigend zugehört, erstarrt im bleichen Entsetzen seines Berichts.“ (S.66) Es war eine Vorstellung „von dem absoluten Grauen des Lebens in Auschwitz“ (S.226).
Die letzte signifikante Episode ereignet sich Jahrzehnte später, am 8. März 1992, als Semprun wegen einer Fernsehaufnahme zum ersten Mal wieder nach Buchenwald kommt. Hier erfährt er durch die Kopie seiner Häftlingskarte, daß er im Januar 1944 bei seiner Einlieferung in Buchenwald von dem zuständigen Häftling, einem anonymen Kommunisten, nicht, wie er gefordert als Student gebucht wurde, sondern als Stukateur (S.351). Daß er aber als Handwerker registriert wurde, hat ihm das Leben gerettet, da Handwerker als nützliche Häftlinge nicht zu den meist tödlichen Außenarbeiten geschickt wurden, nach Dora, wo eine unterirdische Fabrik für die V1- und die V2-Raketen gebaut wurde (S.351).
♦ Die Pointe oder vielmehr die Crux der Geschichte aber ist, daß der Autor diese Erlebnisse und alle anderen Erinnerungen unmittelbar nach Befreiung und Krieg nicht niederschreiben konnte. Er mußte buchstäblich zwischen dem Schreiben der Erlebnisse und der Möglichkeit, weiter zu leben, wählen, eine Wahl, die ihm durch seine psychische Disposition aufgedrängt wurde, und Semprun erklärt mit vielen Worten, was es mit dieser Wahl auf sich hatte. Bis 1947, wo er den Plan seines Buches aufgab, hoffte er, daß Schreiben würde ihn ans Leben fesseln, doch das Gegenteil trat ein, es entfernt ihn vom Leben, er wurde „in die Erinnerung an den Tod zurückgeworfen, in die erstickende Luft dieser Erinnerung“ (S.133).
Er konnte seinen Plan nicht verwirklichen: „Das Gedächtnis von Buchenwald war zu dicht, zu erbarmungslos, als daß es mir hätte gelingen können,“ die passende Form zu finden, „ich wünschte mir nur das Vergessen“. „Nur das Vergessen konnte mich retten“ (S.192f.) Sein Dilemma angesichts seiner Erfahrung des Todes besteht darin: „Ich kann nur leben, wenn ich diesen Tod durch das Schreiben auf mich nehme, aber das Schreiben verbietet mir buchstäblich zu leben.“ (S.197) Erst in den späten sechziger Jahren, dann endgültig erst 1987, als er dieses Buch schrieb, hat er jenes Dilemma gelöst oder überwunden.
Damit kommt Semprun also zu zwei wertvollen psychologischen Einsichten. Entgegen der fachpsychologischen Doktrin ist die Verdrängung schlimmer Erlebnisse keineswegs immer zu verurteilen. Semprun zeigt, daß sie im Gegenteil sogar geboten und heilsam sein kann. Dann hat er gezeigt, daß das Verhalten der meisten Menschen gegenüber überlebenden Opfern der NS-Lager durch eine psychische Hemmung, Abwehr und Verlegenheit gekennzeichnet ist. Dies wäre zu berücksichtigen, wenn man in den obligatorischen, meist allzu routinierten Festreden über die unbewältigte deutsche Vergangenheit spricht. Sie sind meist selbst Veranstaltungen der Verlegenheit.
Semprun kommt auch auf das allgemeine Problem zu sprechen, was man anläßlich der erlebten Schrecken überhaupt erzählen kann. Er äußert das größte Vertrauen in die Macht und das Ausdrucksvermögen der Sprache und vertritt die These, daß man alles sagen und erzählen kann, zweifelt aber, ob man sich auch alles vorstellen kann (S.23f.). Damit hat er einen entscheidenden Punkt genannt, die große Schwierigkeit, die immer entsteht, wenn man die authentischen Berichte über den NS-Terror verstehen will. Sie sind in ihrer Gänze unvorstellbar, da man sich das Schicksal von Millionen nicht vorstellen kann, sondern nur das Schicksal einzelner Menschen.
♦ Abgesehen von der Schilderung der KZ-Realität besteht der größte Vorzug dieser Arbeit darin, daß Semprun den NS-Terror unter dem einzig angemessenen moralischen Gesichtspunkt betrachtet. Vor seiner Verhaftung hatte Semprun zufällig die neue französische Übersetzung von Kants Schrift über Die Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft gelesen. Darin entwickelt Kant die Theorie des radikalen Bösen. Dreißig Jahre später findet er bei André Malraux die Bemerkung über die „entscheidende Region der Seele, wo das absolute Böse sich der Brüderlichkeit entgegenstellt“, und wählt dann den Satz als Motto seines Buches (S.71f.).
Damit hat er das moralische Stichwort gefunden, um die Realität der Vernichtungslager beurteilen zu können. Das Wesentliche dieser Erfahrung besteht für ihn darin, „die Augenfälligkeit des Grauens zu überwinden, um zu versuchen, das 'radikal Böse' an der Wurzel zu packen, in der richtigen Annahme, daß das Grauen der Lagererfahrung eine Erscheinungsform des radikal Bösen war, aber nicht das Wesentliche. Er versucht, das Gemeinte näher zu beschreiben als „das Unmenschliche im Menschen“ (S.108f.). Er meint dann, um das Grauen des Bösen darzustellen, bräuchten wir einen Dostojewski (S.155).
Als er bei seinem späten Besuch in Buchenwald erfährt, daß ein anonymer Häftling ihn als Stukateur und nicht als Student registriert und damit sein Leben gerettet hat, versteht er dieses Verhalten im Sinne jenes Mottos: „Eine Idee der Brüderlichkeit, die sich dem unheilvollen Erblühen des absoluten Bösen entgegenstellte“ (S.357).
Es braucht nicht weiter begründet zu werden, daß Semprun mit dieser ethischen Beurteilung indirkt der verheerend falschem Charakterisierung Hannah Arendts widerspricht, ohne ihren Namen zu nennen. Sie hatte bekanntlich ihre Reportage über Eichmann in Jerusalem im Untertitel einen „Bericht von der Banalität des Bösen“ genannt. Übrigens hat auch Jean Améry in seinem Bericht über Auschwitz dieser Trivialisierung des NS-Terrors entschieden widersprochen.
Semprun widerspricht auch einer weiteren moralischen Bewertung seines Erlebnisses, dem Umstand, daß manche ehemaligen Häftlinge sich schuldig fühlten, überlebt zu haben: „Ich habe nie verstanden, warum man sich schuldig fühlen sollte, überlebt zu haben“ (S.167). Man hatte Glück, für das man sich natürlich nicht zu entschuldigen braucht.
Er macht hier übrigens darauf aufmerksam, daß es im Französischen, anders als im Spanischen, kein Wort für das deutsche „Erlebnis“ gibt. Noch auf den letzten Seiten erläutert er seine „Unfähigkeit, ein Schuldgefühl zu empfinden“ (S.354). In der Tat hat es etwas Absurdes, überlebenden Opfern eine Schuld zuzuschreiben.
♦ Ein weiteres Thema des Buches besteht in der philosophischen Deutung des Erlebten, der besonderen Art der Häftlings-Existenz. Semprun orientiert sich dabei verdeutlichend an Heidegger und widersprechend an Wittgenstein. Er hat vor seiner Haft Sein und Zeit auf deutsch gelesen, in welchem Werk das menschliche Dasein als „Sein zum Tode“ beschrieben wird, weil der Mensch ein Wesen ist, das fähig ist, seiner Endlichkeit bewußt zu werden. Zugleich beschreibt Heidegger den Menschen als ein Wesen, das sich unter anderen menschlichen Wesen vorfindet, sein Dasein ist ein „Mit-Sein“. Diese Formeln aufgreifend beschreibt Semprun das Dasein des Häftlings in den NS-Lagern als „Mit-Sein-zum Tode“ (S.110).>
Aus diesem Grunde widerspricht er mit aller Emphase, deren er mächtig ist, der These Wittgensteins in seinem Tractatus logico-philosophicus: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht“. (S.204) Semprun weiß natürlich, daß dies für den eigenen, persönlichen Tod zutrifft. Er stellt der These aber die Wirklichkeit der gemeinsamen Erfahrung der Todes, der Erfahrung des Todes der Mithäftlinge entgegen, sozusagen ein alltägliches Erlebnis.
Semprun diskutiert dann auch Heideggers Engagement für Hitler und seine hartnäckige Weigerung, diese Schuld öffentlich anzuerkennen. Er zitiert das Gedicht Paul Celans, der die Hoffnung äußert, daß ein Denkender ein erhellendes Wort über jenes Verhalten sprechen würde (S.340). Die Hoffnung wurde bekanntlich enttäuscht.
Hier wäre einzufügen, daß Semprun ein Mann der französischen Kultur ist, die französische Kultur aber eine literarische Kultur ist. Er hat ein Faible für Poesie und hat seinen Bericht gerne mit sprechenden Versen zum Geschehen ergänzt, mit Gedichten von René Char, Brecht, Aragon und spanischen Autoren.
♦ Schließlich kommt Semprun auch auf seine Arbeit im kommunistischen Untergrund des Franco-Regimes zu sprechen, dann auf seinen Ausschluß aus der kommunistischen Partei Spaniens.
Er verweist darauf, daß Deutschland das einzige Land ist, das die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, den Nationalsozialismus und den Bolschewismus, in Staatsform erlebt hat. Er leitet von dieser Erfahrung die Verpflichtung Deutschlands ab, sich für die Europa-Idee einzusetzen (S.361). Dieses Wort wurde 1994 geschrieben, zu einer Zeit, als Helmut Kohl eben diese Politik energisch zu verwirklichen suchte.
Sempruns Buch über Schreiben oder Leben ist – neben dem SS-Staat von Eugen Kogon und Jenseits von Schuld und Sühne von Jean Améry – ein authentisches Werk über das Erleben der NS-Verbrechen, das zu kennen zu unserer politischen Bildung gehören sollte. Amérys autobiographisches Buch habe ich andernorts eingehend besprochen (cf. , Rückkehr der Emigranten im Nachkriegsroman, S.78-114).