Wenn die Irrtümer verbraucht sind
Sitzt als letzter Gesellschafter
Uns das Nichts gegenüber.
Touriste de bananes“ (1937; Paris 1980) ist die Fortsetzung von Le testament Donadieu. Der Roman erzählt das Schicksal Oscar Donadieus, 25 Jahre, des jüngsten Sohnes der Familie. Er ist auf der Fahrt nach Tahiti. Mit ihm reist Nicou, ein Gendarme, der auf der Insel ein Amt übernimmt. Er war von Oscars Vater gefördert worden und hat die Identität Oscars sogleich erkannt. „Er hält es für peinlich den Sohn von Donadieu sich dort unten als Bananentourist niederlassen zu sehen … Das ist unser Ausdruck, um gewisse Passagiere zu bezeichnen, die zu den Inseln reisen mit der Idee, ein natürliches Leben zu leben, fern von der Welt, ohne Geldsorgen, sich von Bananen und Kokosnüssen nährend.“ (S.18) Mitten auf dem Pazifik begegnen sie einem anderen Schiff der Linie und übernehmen von ihr den Kapitän Ferdinand Lagre, der seinen dritten Offizier erschossen hat und in Tahiti abgeurteilt werden soll.
Donadieu trifft in Papeete, der Hauptstadt des Archipels, den Besitzer des Hotels „Relais des Méridiens“, der in Paris eine Bar hatte, die von Donadieus Schwester und deren Mann oft besucht wurde. Weil es regnet, bleibt Donadieu drei Tage in der Stadt, bevor er mit seinem Koffer und einer Tasche losmarschiert, um eine verlassene Hütte in der Einsamkeit zu suchen. Während er in der Wildnis verschwunden ist, verhört Jo Beaudouin, ein Anwalt, Lagre und Tamatéa, die mit dem Kapitän liiert war. Vor dem Untersuchungsrichter erklärt Lagre, seine Tat sei ein „dummer Zufall“, „ein Verhängnis“ gewesen (S.74; 77) Näheres sagt er nicht aus, sondern nur Unzusammenhängendes, daher sind der Untersuchungsrichter und der Anwalt ratlos, wie sie verfahren sollen. Man liest dann, daß der Gerichtspräsident Isnard ebenfalls mit Tamatéa liiert war, wie denn die Frauen des Landes allgemein als recht freizügig geschildert werden.
Der Gouverneur der Insel, der die Familie Donadieu ebenfalls kannte, läßt Donadieu suchen. Als der Polizei-Chef meldet, daß Donadieu gefunden wurde, wird Raphael, ein Fahrer, beauftragt, ihm eine Botschaft des Gouverneurs zu bringen. Er fährt mit Beaudouin und Tamatéa zu dem Aufenthaltsort Donadieus, einer alten Hütte auf einem kleinen Bergplateau über einem Wasserfall an der Meeresküste, „die schönste Landschaft der Welt“ (S.121). Donadieu läßt sich nicht umstimmen, sein naturnahes Leben aufzugeben. Als er offiziell wegen einer Militärsache vorgeladen wird, begegnet er Nicou wieder, der es gerne sähe, wenn Donadieu sich für seine Tochter interessieren würde.
Wenig später, auf einem Gang nach Papeete, entdeckt er das Café eines Chinesen, das Hörnchen anbietet und Schokoladegetränk, seine Lieblingsspeisen. Er denkt, ob ein Arrangement möglich wäre, daß er sie regelmäßig haben könnte, muß aber einsehen, daß es nicht zu machen ist, weil er keinen Beruf hat. So entscheidet er sich, nicht mehr zu seiner Hütte zurückzukehren – ein typisch Simenonscher Einfall, daß sein Held wegen Hörnchen und Schokolade seinen Lebensplan ändert.
In Papeete gerät Donadieu zufällig in den Gerichtssaal, wo die Affäre Lagre verhandelt wird. Er durchschaut den Prozeß als eine Komödie, weil das Urteil längst mit dem Staatsanwalt, dem Richter und dem Verteidiger abgesprochen ist, protestiert aber nicht öffentlich gegen diese „Komödie“ (S.189). Im Hotel wird ihm das Zimmer Tamatéas, die auf einer Feier ist, zugewiesen. Seine Situation als „Leere“ (S.201) empfindend, zieht er eine Art Lebensbilanz. Tamatéa legt sich betrunken neben ihn. Als sie am Morgen erwacht, muß sie feststellen, daß sie neben einem Toten geschlafen hat, der von Blut überströmt ist.
Der Roman ist wegen drei Momenten bemerkenswert. Er beschließt die dramatische Chronik der Familie Donadieu, er entlarvt gründlichst den Mythos vom paradiesischen Leben in der Südsee und er räsoniert eindringlich über ein Leitmotiv Simenons, die Erfahrung der existentiellen Leere (le vide). Dies alles aber in einer überaus malerischen Landschaft, eine Augenweide ohnegleichen, und unter Eingeborenen, die gegenüber den Weißen, den Kolonisten, eine „Kette der Heiterkeit“ bilden, im spöttischen Bewußtsein, ihnen menschlich überlegen zu sein (S.148).
Im Roman wird mehrmals auf die Familiengeschichte der Donadieus angespielt. Um ihn jedoch richtig verstehen zu können, muß man das Testament Donadieu gelesen haben. Aufschlußreich ist das Motiv seines Verhaltens und Handelns, das Oscar hier angibt. Er sagt, er wollte bei seinen Eskapaden, der Arbeit am Staudamm Amerikas, etwas Schwieriges unternehmen und wegen seiner Existenz auf Tahiti bewundert werden (S.119f.).
Er wollte mit der Natur leben (S.117). „Deshalb ist er gekommen, um die Fische im Schwimmen zu bezwingen, um wieder, in der Natur, ein harmonisches Wesen zu werden, um das Leben einer Art von heidnischem Gott zu führen.“ (S.138) Am Ende gesteht er jedoch ein: „Seit dem ersten Tag, um alles zu sagen, hat er begriffen, daß das nicht möglich ist, daß es das berühmte natürliche Leben, von dem man ihm gesprochen hat, nicht gab, daß seine Einsamkeit nur die Einsamkeit des Clochards war, daß es, hier wie überall, Regeln zu befolgen gibt, und daß er, im Ergebnis, mit all seinem Heroismus, nichts anderes machte als den Pfadfinder einige Schritte neben einem Dorf zu spielen.“ (S.183) Nüchterner läßt sich die Enttäuschung oder das Scheitern des in die Südsee geflohenen Abenteurers nicht ausdrücken.
So erlebt Donadieu eine doppelte Enttäuschung: das Leben nach der Natur ist gescheitert und ebenso das Leben in der Zivilisation. Das sprechende Symptom dafür ist die Komödie oder die Konspiration des Prozesses, der genau so manipuliert war wie der Prozeß in dem Testament Donadieu — der Untergang der einst mächtigen Reederei Donadieu, der Selbstmord seiner Schwester, sind nichts anderes als Fakten des Scheiterns.
So steht Donadieu am Ende buchstäblich vor dem Nichts, das er gemäß dem Sprachgebrauch Simenons „le vide“ (die Leere) nennt. Auf dem flachen Bauch im Bett sich ausstreckend macht er eine Art Lebensbilanz. Er glaubte zu weinen. „Aber er weinte nicht. Die Vorhöllen dauerten an. Er fühlte sich leer in einem leeren Universum, leer und müde, müde wie man es nicht menschlich ist, müde wie … tot“ (S.201). Mit der Vorhölle ist das Jenseits der Kinder gemeint, die nicht getauft waren. So will Donadieu mit dem Vergleich sagen, daß er sich tot fühlt, aber nicht gerettet ist. Er erinnert sich, wie er als Junge, sich auf die Kommunion vorbereitend, im Kirchgarten auf den Bauch lag und Nelken roch, eine nie wieder erlebte große Ruhe spürend, eine „Glückseligkeit“, die wahrscheinlich der erste Grund war, sich nach Tahiti zu sehnen (S.202; 207).
Er wußte aber, daß es jetzt zu Ende ist (S.203), allgemein gesagt: „Das ist nicht möglich“ (S.203). Und er denkt an seine Schwester: „Martine, auch sie, hatte sich getötet, nachdem sie ihren Mann getötet hat, als sie wahrnahm, daß alles, was sie als ihr Glück geglaubt hatte, auf Gemeinheit (saleté, Dreck) gebaut war.“ Auch fragt er, ob sein Vater, den man im Hafenbecken gefunden hatte, eines schönen Tages sich gesagt hat: „Das ist nicht möglich“, nämlich das Leben (S.207). „Daß es ihm nicht gelang, zu weinen, daß er mit sich immer debattierte in der Leere!“ (S.209)
Dieser Monolog ist der längste Diskurs über die „Leere“, die absolute, unabwendbare Sinnlosigkeit des Lebens, in Simenons Werk. Das Selbstgespräch ist allenfalls zu vergleichen mit der schonungslosen Lebensbilanz der Romanfigur in Das Fenster der Rouets (1942) oder mit der Gewissenserforschung eines Sterbenden in Die grünen Fensterläden (1953), die Reflexionen eines Schauspielers, der nicht die richtigen Worte findet, um zu sagen, was er eigentlich gewollt hat (cf.
, Leidenschaft im Werk Simenons, S.141; 213). Es sind drei mit radikaler Aufrichtigkeit durchgeführte Selbstbesinnungen am Ende des Lebens, sozusagen letzte Worte par excellence, sie bilden den existentiellen und literarischen Kontrast zu jenem berühmten Passus in Die Glocken von Bicêtre, wo das Erwachen eines Menschen, die Wiederkehr des Bewußtseins meisterhaft geschildert wird, ein Höhepunkt im Werk Simenons (cf.
, Simenons traurige Geschichten, S.147f.).
Schließlich noch ein Wort über den landschaftlichen und malerischen Rahmen, in dem das Geschehen stattfindet. Simenon schildert bevorzugt Phänomene des Lichts, Farben, die das ganze Spektrum umfaßen. So der Anblick, der sich Donadieu vom Fenster aus bietet: „Es waren nicht die Einzelheiten, die er sah. Es war ein ganzes Universum, ein ungewöhnlicheres Universum als das, das er geträumt hatte, ein Universum rosa und blau, grün und golden, mit Tönen, die keinen Namen haben, wie jene, die man bei gewissen Perlmutter sieht.“ (S.55). Andernorts vergleicht er das Aussehen der tropischen Nacht mit der „Dekoration einer Oper“ (S.102). Zweifellos wurden diese Schilderungen durch die Faszination angeregt, die Tahiti auf die Künstler ausübte. Gauguin wird namentlich erwähnt und Isnard kam hierher, weil er selbst Maler war (S.91).
Im übrigen aber ist Touriste de bananes kein Landschaftsroman, sondern ein Gesellschaftsroman, eine doppelte Desillusion schildernd, die zu der Landschaft im stärksten Gegensatz steht.